Venedigermännle holt Schlamm aus dem Christlessee
Nicht nur das klare Wassers und die grünen und blauen Farbtöne machen den Christlessee im Terttachtal so bekannt, berühmt ist er auch, weil er nie zufriert.
Früher kam eine Zeit lang jedes Jahre ein kleines fremdes Männle, das eine gar sonderbare Tracht anhatte. Jedes Mal holte es aus dem naheligenden Haus eine Schaufel und barg feinen Schlamm aus dem See. Diesen trocknete es und packte ihn dann in ein Taschentuch. Wenn es nach getaner Arbeit die Schaufel zurückgab, sagte es meistens: "So, jetzt hab ich wieder auf ein Jahr genug zum Leben." Welche wertvollen Mineralien das Männchen im Schlamm gefunden hatte, verriet es nie. Man vermutete, dass es Gold gewesen sei.
(nacherzählt von A. Rößle)
Nach allerlei gruseligen und dämonischen Sagen in den letzten beiden Artikeln (Geisterprozessionen und Hexen) wollen wir uns heute begreifbareren Themen widmen. Eine ganze Reihe unserer Allgäuer Sagen beschäftigen sich mit den „Venedigermännle“. Woher kamen sie? Was machten sie hier? Wie sahen sie aus?
Besonders zur letzte Frage finden wir leider nicht viel Antworten in unseren Sagen. Daß es eine „sonderbare Tracht“ tragen solle, haben wir ja schon in der ersten Sage erfahren. In der Sage vom Vendigerspiegel werden wir hören, dass es recht klein sein müsse. Eine Sage aus Ehrenbichl in Tirol gibt hierüber noch genauer Auskunft: Es waren „... kleinwinzige Männle, die kaum tischhoch waren und auf dem Kopfe einen großen Hut hatten, unter dem große Ohren sichtbar waren. Sie steckten in einem langen, talarähnlichen Rocke, der ihnen bis zu den Knöcheln hinabreichte,..“ In einem Artikel der Zeitschrift „Schönes Allgäu“ meint der mir unbekannte Verfasser: „Die Kleidung der seltsamen Fremden, der lange Rock mit Kapuze, erinnert sehr an den Lodenumhang, der den erfahrenen Berggänger verrät.“ Woher er seine Informationen erhalten hat, bleibt mir unbekannt. Auf jeden Fall werden die Venedigermännle im Buch „Allgäuer Sagen“ immer so dargestellt. Im Laufe der Abhandlung werden wir noch mehr über diese Männer erfahren und feststellen, daß es sich jedoch um ganz normale Menschen handeln mußte, die sich höchstens wegen ihrer fremdländischen Tracht und ihrer Sprache von unseren Vorfahren unterschieden.
Wenden wir uns der ersten Frage zu. Schon der Name deutet darauf hin, dass es sich um Männer aus Venedig handeln muß. Wir werden im Folgenden sehen, daß diese Vermutung auch teilweise stimmt, jedoch nicht immer zutrifft. In anderen Sagen aus dem Alpenraum, aus dem Harz und aus Thüringen werden die Venedigermännle auch Welsche oder Walen genannt. Beide Begriffe wurden früher für romanisch sprechende Menschen verwendet. Wahrscheinlich engt der Begriff „Venedigermännle“ zu stark ein und unsere Venediger waren Menschen aus dem heutigen Italien, der italienisch sprechenden Schweiz, aus Frankreich und auch aus Rumänien. Da in der Zeit des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit Fernreisen nicht unbedingt zum Alltäglichen gehörten, waren fremdländische Menschen besonders bei uns im abgelegenen Allgäu schon etwas ganz Besonderes und ebenso Unheimliches.
Auch die zweite Frage ist aus unserer Eingangssage leicht zu beantworten: Der Venediger holte sich Schlamm aus dem Christlessee. Der enthielt etwas Wertvolles, das ihm zum Leben für ein ganzes Jahr reichte. Das war natürlich eine Sensation und wer von unseren alten Oberstdorfern hätte nicht gerne erfahren, was das sein könnte. Unsere Venediger aber hielten dicht, egal ob sie am Hochvogel hämmerten und klopften, oder kostbare Erze an der Mädelegabel schürften, wie in der folgenden Sage:
Fahrender Schüler holt Erze von der Mädelegabel
An der Mädelegabel, die von dem vielbesuchten kleinen Dörflein Einödsbach aus besonders mächtig und großartig zum Himmel aufragt, gab es zu alten Zeiten an einer Stelle kostbare Erze in großer Menge. Dahin kam alle Jahre ein "fahrender Schuelar" und holte sich davon reiche Schätze. Die Stelle aber, wo dies war, weiß man jetzt nicht mehr und auch nicht, ob noch Erze dort wären.
(aus Reiser: S. 157)
Hier wird die Sage schon deutlicher. Es sind wertvolle Erze, die an der Mädelegabel gesammelt wurden. Natürlich herrschte schon bald die Meinung vor, daß es nur Gold oder Edelsteine sein konnten. Was sonst ist so wertvoll, daß ein Rucksack mit etwa 20 kg Gestein zum Leben für ein ganzes Jahr reichen würde. Es verwundert ein wenig, daß in dieser Sage von einem fahrenden Scholaren, einem studierendem Menschen, die Rede war. Dies läßt die Vermutung aufkommen, daß es auch deutsch sprechende Menschen sein konnten, die damals auf der Suche nach den Schätzen der Erde waren. Es muß hier auch erwähnt werden, daß der Themenkreis „Fahrende Scholaren“ eigentlich viel weitschichtiger und tiefergehend ist, hier jedoch nur unter dem Aspekt der Erzsucher abgehandelt und als Synonym für die Venediger steht.
Wollen wir uns jetzt der Frage nach den Schätzen genauer widmen.
Natürlich liegt die Vermutung nahe, daß in unseren Bergen abbauwürdige Goldvorkommen zu finden seien. Diese Hypothese wird durch einen Briefwechsel des Bischofs Heinrich von Augsburg mit dem Rettenberger Landammann Alexander Straub aus den Jahren 1629 bis 1636 gestützt. Dem Landammann wurde befohlen, italienische Goldsucher zu suchen und zu verhaften, um herauszufinden, in welchen Bächen und Flüssen sich der Goldsand befände. Der Bischof von Augsburg war sichtlich besorgt, daß die Goldwäscher an seiner Steuerschatulle vorbei Gold ins Ausland brächten. Aber schon die Untersuchungen des Landammannes und auch die späterer Jahrhunderte fanden in unserer Gegend keine nennenswerten Goldvorkommen. In der Iller kann man zwar Gold waschen, der Arbeitseinsatz lohnte jedoch nicht. Doch sind die Ängste des Bischofs nicht unbegründet, denn wir wissen heute zuverlässig, daß im 16. Jahrhundert Zigeuner aus den rumänischen Ostkarpaten und den siebenbürgischen Westkarpaten das Goldwaschen aus Bachsanden beherrschten. Diese romanisch sprechenden Zigeuner wanderten Mitte des 16. Jahrhunderts bei uns ein und begannen heimlich in einsamen Gegenden, Gold zu seifen, wie es in der Fachsprache heißt. Doch schon bald erfuhren die Landesherren von ihrem Tun und verboten dies durch hohe Strafen. Da Zigeuner zu diesem Zeitpunkt noch recht unbekannt waren, wurden sie auf Grund ihrer Sprache sicherlich mit Italienern verwechselt. So endete diese Episode kurz und schmerzlos. Die Zigeuner hörten das Goldseifen einerseits aus Angst vor Strafe und andererseits wegen Erfolglosigkeit nach wenigen Jahren auf. Dieses Ereignis konnte demgemäß auch kaum die Gemüter der Menschen so nachhaltig beschäftigen, daß sich die Sagen bis in unsere Zeit hielten.
Wenden wir uns wieder dem Begriff „Venedigermännle“ zu. Er führt uns direkt in die Welthandelsstadt Venedig des Mittelalters. Bekannt war sie unter anderem wegen ihrer Glasmanufakturen auf der Insel Murano. Dort wurden zur Färbung der Gläser die verschiedensten Mineralien verwendet. Zum Blaufärben des Glases wurde Kobalt benötigt. Aus verschiedensten Quellen kann geschlossen werden, daß dieser „Blaustein“ vom frühen Mittelalter an bis ins 15. Jahrhundert aus Deutschland bezogen wurde. Gefunden wurde es beim Silberbergbau, wo es eher störte - daher der Schimpfname „Kobalt“ - und durch Mineraliensucher, welche die deutschen Gebirge durchsuchten. Da jedoch das „Geheimnis“ des Blaufärbens in ganz Italien und auch in Frankreich bekannt war, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Mineraliensucher aus dem gesamten romanisch sprechenden Raum stammten.
Anders sieht es mit dem am strengsten gehüteten Geheimnis der Muranoer Glasbläser aus. Nur sie kannten über viele Jahrhunderte eine Technik, mit der das Glas „wasserklar“ gemacht werden konnte. Hierzu wurde ein Mineral gebraucht, das heute unter dem Namen Mangan bekannt ist. In Deutschland war das Mineral lange gänzlich unbekannt. Erst im 16. Jahrhundert sickerte langsam durch, daß bei uns ein unbekannter Stoff ausgegraben wurde, der nach Venedig verfrachtet wurde und Glas weiß mache. Da von diesem „Braunstein“ nur kleine Mengen benötigt wurden, waren auch sicher nicht sehr viele Venediger unterwegs, die unauffällig die Täler absuchten, hie und da etwas fanden und das Gefundene danach genauer untersuchten. Natürlich kamen sie zu dem mühsam erkundeten Fundort auch jährlich zurück. Diese Besuche können theoretisch noch bis ins 19. Jahrhundert angedauert haben, da es erst im letzten Jahrhundert gelang, manganhaltige Mineralien im Bergbau zu gewinnen. Belege hierfür sind laut Dr. Helmut Wilsdorf wenigstens aus dem 17. und 18. Jahrhundert vorhanden.
Im 15. Jahrhundert waren für wenige Jahre in unserer Region auch Alaunsucher unterwegs. Sie wurden von der päpstlichen Kassenverwaltung ausgeschickt, da die bisherigen Alaunvorkommen in Phokia 1453 von den Türken erobert worden waren. Natürlich wurde der Handel mit den Feinden der Christenheit verboten und die Alaungewinnung zum päpstlichen Monopol erklärt. Schon nach sehr kurzer Zeit, nämlich im Jahre 1559, wurde das riesige Alaunvorkommen von Tolfa im Kirchenstaat entdeckt und im bis dahin größten Bergwerksunternehmen der Christenheit von nicht weniger als 6000 Bergleuten gefördert.
Fassen wir die bisherigen Ergebnisse zusammen: Über mehrere Jahrhunderte hinweg kamen Erzsucher auf ihren Wanderungen durch das Allgäu. Bis auf wenige Ausnahmen, den fahrenden Scholaren, waren es romanisch sprechende Männer. Sie verhielten sich einerseits sehr geheimnisvoll, da sie ja das Ziel ihrer Suche nicht verraten durften, waren aber auf der anderen Seite als Fremde im Ausland sehr freundlich zu den Einheimischen. Von diesem überaus guten Einvernehmen erzählt auch folgende Sage, in der das Wissen und Können der „Venediger“ bzw. der „fahrenden Scholaren“ mystisch überhöht wurde:
Venedigermännlein reitet einen Drachen
Vor uralten Zeiten lebte ein Drache im Trettachtal, der von Zeit zu Zeit nach Oberstdorf kam und die Hälfte aller Einwohner auffraß. Vielleicht wohnte er sogar im Wurmloch oberhalb der Alpe Oberau.
Die Sage berichtet, dass aus Angst vor diesem unersättlichen Ungetier viele Familen fortgezogen seien. Eines Tages kam jedoch ein ganz besonders gelehrter Venediger nach Oberstdorf und saß mit den Bauern im Wirtshaus zusammen. Als er von ihrer Not mi dem Drachen hörte, versprach er, sie von dem Höllenwurm zu befreien. Er würde das deswegen machen, weil er und seine Landsmänner bisher immer so gastlich in Oberstdorf aufgenommen wurden. Natürlich wollten sich die Oberstdorfer das Schauspiel nicht entgehen lassen und fragten, ob sie zuschauen dürften. Das Kapuzenmännle war einverstanden und bestellte sie auf die Zwingbrücke bei Dietersberg. Da es Hochsommer war, floss im Bachbett nur ein armseliges Rinnsal an Wasser. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, schoss eine braune Hochwasserflut auf die Brücke zu. Man hätte meinen können, dass über dem Kratzer ein Riesenunwetter niedergegangen wäre. Mit diesem Dreckwasserschwall kam aberauch der Venediger daher. Er ritt mit der Peitsche in der Hand auf dem riesigen Drachen. Der Lindwurm schlängelte sich gehorsam durch die Windungen der Trettach und befolgte die Befehle seines Reiters. Da er eine unbekannte Sprache benutzte, war nur am Tonfall zu hören, dass der Vendiger das Tier übel beschimpfte. Wie weit dieser Teufelsritt die Iller hinabging und wo er endete blieb leider unbekannt.
Später glaubte man, dass mit dem Ungeheuer sinnbildlich die Pest, die im 16. Jahrhundert sogar mehr als die Hälfte aller Oberstdorfer dahinraffte, gemeint sein könne.
(nacherzählt von A. Rößle)

Im 16. Jahrhundert dürfte jedoch der Höhepunkt der Wanderungen überschritten worden sein und nur noch ganz vereinzelt kamen Erz- oder Kristallsucher in unsere Heimat. Warum sich die Sagen trotzdem über dreihundert Jahre hielten, das lag wahrscheinlich an zwei anderen Gegebenheiten, die zu Beginn der Neuzeit Einfluß auf die Gedankenwelt unserer Vorfahren nahmen.
Landauf , landab versuchten sich Alchemisten im Goldmachen. Jeder Landesherr, der etwas auf sich hielt, hatte mindestens einen dieser „Wissenschaftler“ in seinen Diensten. Sicher nicht ohne Neid beobachteten diese, daß die Venediger schon lange alchemistische Verfahren nutzten, um Gläser zu färben und - konnten sie vielleicht nicht doch auch Gold herstellen? Waren die Venediger die besseren Alchemisten? In der Gedankenwelt der damaligen Menschen entstand geradewegs die Assoziation: Goldschatz - Venediger. In der Sagentradition wurde Venedig sogar zur Hohen Schule der Alchemie, in dessen Universität Vorlesungen über das Schatzheben abgehalten wurden. Dabei ist es direkt eine Ironie der Geschichte, daß Venedig gar keine Universität besaß. Aber das kümmerte die Sage wenig.
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Eine weitere Tatsache mit rationaler Ursache führte zu einer Verstärkung der oben genannten Verbindung. Natürlich waren die Erzsucher als Wissenschaftler des Schreibens mächtig und führten sicher genaue Tagebücher über Fundorte und ähnliches. Hin und wieder ging so ein Büchlein verloren und wurde von einem Ansässigen gefunden. Aber die Einheimischen konnten damit überhaupt nichts anfangen, denn sie waren einerseits des Schreibens nicht mächtig und dazu waren die Bücher auch noch in italienisch geschrieben. Um das Ganze noch geheimnisvoller zu machen, benutzen die Venediger oft eine Art Geheimschrift, von denen ich hier drei Beispiele aus dem unten angegebenen Buch wiedergeben will:
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Bei diesem Zeichen findet man rote Körner, die zur Hälfte aus Gold sind. |
Dies zeigt einen Berg, in dem sehr viel Gold ist. |
Bei diesem Zeichen findet man in sogenannten Walengruben gediegenes Gold und Goldstaub zum Seifen. |
Vielleicht hat auch der Trudeser von der Ebnat im Birgsau ein solches Venedigerbüchlein gefunden. Hören wir ein wenig hinein in diese Sage:
Der Trudeser findet ein Zauberbüchlein
Eine der vielen Geschichten, die sich die Leute einst von aufgefundenen Zauberbüchern erzählten, hat Reiser von der Ebnat im Birgsau bei Oberstdorf erfahren.
Der alte Trudeser aus dem Birgsau fand einmal ein altes Büchlein. Es war in einer unbekannten Sprache geschreiben. Aber als er eine Seite las begannes sich die Tannenwipfel neigen und die Bäume zu ächzen, obwohl sich kein Lüftchen regt. Als den ganzen Abschnitt rückwärts las, hörte alles wieder auf.
(Kurzfassung von A. Rößle)
Wahrscheinlicher ist jedoch, daß er einem der vielen Plagiate auf den Leim gegangen ist, die ab dem 16. Jahrhundert entstanden. Sie nutzten die Geld- und Neugier der Menschen aus und gaukelten dem Leser vor, er könne hiermit reich werden. Diese Zauberbüchlein waren ausnahmslos in deutsch geschrieben, was aber keinen störte und sie wurden gegen teures Geld gehandelt und verstärkten in den Köpfen der Bevölkerung die Überhöhung der Venediger. Deshalb wurden diese nicht nur nicht vergessen, sondern sogar mit besonderen Eigenschaften ausgestattet. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß diese Eigenschaften in den Sagen aber meist eher rational erklärbar und weniger mystisch weitererzählt werden. So nutzte der Venediger zur Vertreibung des Drachen zwar eine fremde Sprache, mit keinem Wort wird aber von teuflischem Handeln gesprochen. „Auffällig ist vor allem, daß mit offener Bewunderung diesen Fremden ein hohes Maß an Ausdauer und Geschick und dazu ein naturkundliches Wissen und ein technisches Können zugeschrieben worden ist, während die Sage sonst von geheimen und magischen Kräften fabelt, wenn Schätze gehoben werden“
Nur selten verirren sich deshalb Elemente aus anderen Sagentraditionen in die „Venedigersagen“. So enthält die folgende Sage, die meines Erachtens zu den schönsten unseres Heimatortes gehört, ein paar wichtige Motive, die eigentlich den Zwergensagen zuzuordnen sind. Aber lassen wir uns jetzt in die geheimnisvolle Welt des Venedigerkönigs entführen:
Der Vendigerspiegel
Ein Oberstdorfer, der auf dem Weg zur Dietersbacher Alp war, fand hinter Gerstruben einen ganz besonderen Spiegel. Mit ihm konnte er an der weit entfernten Höfats deutlich ein Männchen erkennen, das zwischen goldenen und silbernen Tannenzapfen herumkletterte, diese abbrach und in einen Sack steckte. Als dieses entdeckte, dass der Oberstdorfer es durch seine "Fernglas" beobachtet, rief es ihm zu, dass er das Glas weglegen solle, sonst müsse es abstürzen. Aber erst als es versprach ihn reich zu machen, befolgte er den Wunsch. Im selben Moment stand dann auch schon das Männchen vor ihm und erklärte ihm, dass ihm der Spiegel nur Unglück bringen würde. Nun erzählte der Kleine, dass er ein Venediger sei. Ihnen würden alle Gold- und Silberschätze der Alpen gehören. Man müsse sie aber in Ruhe lassen und sie nicht stören. Wenn man ihnen jedoch in einer Not helfe würde, erwiesen sie sich als dankbar. Da nahm das Männdle einen goldenen Tannenzapfen heraus und schenkte ihn dem Oberstdorfer. Im gleichen Moment war es verschwunden.
Glücklich rannte der Bauer heim und erzählte allen von seinem Erlebnis. Als er jedoch seinen Goldzapfen auspacken wollte, war es nur eine Rossbollen. Das brachte ihm natürlich nur Hohn und Spott ein und keiner wollte mehr diesem Narren Geld leihen. Bald schon kam sein kleiner Hof auf die Gant und er musste mit seiner Familie ins Armenhaus.

Aber er kann noch immer nicht glauben, dass ihn das Männlein so betrogen haben sollte. Da er sich jedoch nicht mit dieser Niederlage abfinden konnte, machte er sich auf den Weg über die Berge nach Venedig. Dort fand er ziemlich schnell das Männdle. Er beschimpfte ihn auf Allgäuerisch, nennt den Venediger einen elenden Spitzbuben und Schwindler, der ihn betrogen und nannte ihn einen gemeinen Lügner. Obwohl er ihm das Leben gerettet hätte, habe er ihn betrogen und er sei Schuld, dass er auf Gant gekommen sei. Da musste das Männdle furchtbar lachen und ihm rutschte die Kapuze vom Kopf. Da sah der Oberstdorfer, dass er uralt sein musste, denn war total ergraut und hatte dazu noch viele Zahnlücken. Da nahm ihn das alte Männlein mit in einen der Paläste. Plötzlich standen sie in einem wunderschönen Saal, in dem hunderte von Kapuzenmännlein auf sie warteten. Jetzt erst merkte der Bauer, dass sein Venedigermänndle der Venedigerkönig höchst persönlich war. Nachdem der König der Versammlung die Geschichte an der Höfats erzählt hatte, belohnte er den Oberstdorfer mit Gold. Skeptisch meinte er jedoch traurig: "Lüeget her! Hintanocha isch es a Rossbolle gsi!" Aber was da in die Hand bekam war wirklich eine Goldkugel. Der arme Mann rief vor Freude: "Annele, Annele, wenn de nu do wäresch!" Da war der Venedigerkönig so gerührt, dass er ihn durch einen riesigen Venedigerspiegel an der Wand schauen ließ. Da erblickte er die Stube im Armenhaus, indem sein Weib gerade das Brot aus dem Bettelsack an die Kinder verteilte. Da rief er traurig, dass er jetzt heim müsse. Als er zur Türe hinaus wollte, zeigten die Venediger ihm jedoch einen heimlichen Gang, durch den in einer halbe Stunde zu haue wäre. Danach stecken sie ihm noch schnell etwas in die Taschen. Er rannte los und stand schon bald am Fuße der Höfats. Schnell lief er weiter zu Weib und Kindern. Dieses Mal blieb das Gold Gold und die Not der Familie hatte endlich ein Ende. (nacherzählt von A. Rößle)
Elemente aus Zwergensagen sind hier einerseits der König und andererseits der Lohn, der sich als Roßbollen entpuppt. Die uralten, vorchristlichen Zwergensagen sind jedoch in unserem Sagenschatz meines Erachtens eher in den Sagen von den Wilden Männle aufgegangen - hiervon aber in einem später folgenden Artikel. Kommen wir zurück zu den Venedigern. Ein besonders interessantes Motiv in der letzten Sage ist der Zauberspiegel, der den Bogen schließt. Wer sonst konnte in früheren Zeiten ein Glas herstellen, mit dem man Dinge vergrößert anschauen konnte? Nur die Glasbläser aus Murano waren hierzu in der Lage und dazu benötigten sie Mangan aus unseren Allgäuer Alpen. Basierend auf „Realgegebenheiten“ entstanden diese Venedigersagen, die uns einiges über Wissenschaft und Technik im Mittelalter und auch über die mannigfaltigen Verknüpfungen in der Alpenregion erfahren lassen. |
| Sagen zu den Venedigern |
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Reiser |
Endrös |
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| Drache von einem "fahrenden Schualer" bezwungen |
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| Venedigermännlein reitet einen Drachen |
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| Der gefundene Venedigerspiegel |
151 |
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| Der Venedigerspiegel |
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| Venedigermännle holt Schlamm aus dem Christlesee |
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| Schlammsucher am Christlesee |
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| Fahrender Schüler holt Erze von der Mädelegabel |
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| Zusätzliche Literatur: |
Reiser, Karl: Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus, Band 1, Kempten 1895, Nachdruck und Rechte bei Georg Olms Verlag, Hildesheim, New York, 1979
Endrös, Hermann, Weitnauer Alfred: Allgäuer Sagen, 2. Auflage, Kempten 1954, Rechte bei Franz Brack Verlag, Altusried
Schönes Allgäu, Heft 3, 1986
„Seltsames und Unheimliches - Die Sagen des Kleinen Walsertals“ von Willand, Detlef, Bietigheim 1994
Rausch, Elke, Wilde Männle im Allgäu, Kempten 1967
Wilsdorf, Dr. Helmut in Venitianersagen von Schramm, Rudolf, Leipzig 1985
Röhrich, Lutz, Sage, Stuttgart 1966, S. 28 |
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